Auch ein Kruzifix-Träger war beim Montags-"Spaziergang" vorm Rathaus zu sehen. Das Kreuz blieb ihm nicht lange. - Fotos: W. Götz
Landshut – gw (02.02.2022) Montag für Montag passiert, was eigentlich nicht passieren darf. 1.000e schreiten ab 18 Uhr stumm durch die Innenstadt. Vorm Rathaus formierte sich zum dritten Mal eine Gegenkundgebung und rief zum „Mitdenken statt Querdenken“ auf. Die Polizei war mit Verstärkung aus Bamberg zu gegen und trug erstmals Schlagstöcke am Gürtel. Die Einsatzschwelle der Beamten war sehr gering.
Die Stadt Landshut hatte für den vergangenen Montag ihre Allgemeinverordnung nochmals verlängert. Somit sind nicht ortsfeste Versammlungen nicht erlaubt. Doch bei den „Montags-Spaziergängern“ wird diese amtliche Verfügung ignoriert. Das Bild gleicht sich seit langem. Vor 18 Uhr stehen Personen rund um das Ländtor herum und mit dem Glockenschlag um 18 Uhr von St. Martin formiert sich daraus ein Marsch durch die Innenstadt. Zwei Pfiffe einer Trillerpfeife waren zu hören. Eine Art Signal loszugehen. Seine Länge betrug dieses Mal rund 800 bis 900 Meter. Die Teilnehmerzahl lässt sich auf 2.500 schätzen.

Am Ländor begann sich der "Spaziergang" zu formieren.
Ohne dass Plakate gezeigt oder Parolen gerufen werden, weiß jeder worum es bei dem „Spaziergang“ inhaltlich geht. Die Teilnehmer kritisieren mit dieser Protestart gegen Coronaregeln und eine mögliche Impfpflicht.
Ganz anderes stellt sich die Situation vor dem historischen Rathaus in der Altstadt dar. Dort meldet Stadträtin Elke Rümmelein zum dritten Mal eine ortsfeste Gegenkundgebung an. Die rund 100 Versammelten wollen mitteilen, dass „Mitdenken statt Querdenken“ jetzt angesagt sei. In ihren Redebeiträgen wird dies auch ganz deutlich. Ein Teilnehmer der spontan zum ersten Mal bei Elke Rümmeleins Veranstaltung dabei war sagt: „Ich betrachte die Querdenkerbewegung mit Sorge.“
Während der „Spaziergang“ am Ländtor beginnend entlang der Isar in Richtung Heilig-Geist-Brücke immer mehr Teilnehmer aufsog, wiederholte die Polizei in ihren Durchsagen immer wieder, dass es sich um eine unangemeldete Kundgebung handelt, sich ein Versammlungsleiter melden solle, ein Platz für eine ortsfeste Kundgebung angeboten werden könne und dass Teilnehmer mit Ordnungsgeldern rechen müssen. All diese Worte verhallten wie Schall und Rauch im kühlen Nieselregen des 31 Januar.

Der Umzug biegt vor dem Rathaus in die Grasgasse ein.
Während dessen frage Elke Rümmelein im „Raum der Vernunft“ vor dem Rathaus „Zu welchem Zweck soll das führen? Was ist passiert, dass wir in einer Zeit, in der wir zusammenhalten sollten,, einander so gegenüber stehen?“ Doch was musste sie sehen? Viele Menschen in der Altstadt, die ohne Abstand und ohne Masken in großen Gruppen unterwegs sind. Was sie und auch Stefanje Weinmayr besonders schmerzt, sind die viele Hallooo-Rufe, dem Erkennungszeichen der Landshuter Hochzeit, einer Veranstaltung die für Gemeinschaft, Lebensfreude und Völkerverständigung steht, aus den Reihen der „Spaziergänger“.
Der unangemeldete „Spaziergang“ schlängelte sich derweilen durch die Grasgasse, durch die Neustadt und die Kirchgasse wieder zurück in die Altstadt. Von der Stiftsbasilika aus zogen die Menge weiter am Rathaus vorbei, auf dessen Fassade wiederum großflächig Dankesworte an alle Helfer in der Pandemie und aktuelle Zahlen zum Impffortschritt projiziert wurden.

Klare Ansage an die "Spaziergänger" aus dem "Raum der Vernunft" heraus.
Derweil kritisierte Johannes Hunger, Sprecher der grünen Jugend, in seiner Rede, die kleine Minderheit, die nicht an Fakten glauben will. Vielmehr werden durch Falschinformationen und Verschwörungstheorien Falschinformationen über soziale Medien verbreitet. Er nannte es „die Echokammer des Internets“ in der sich diese Gruppe in ihrer eigen Blase zusammen findet. „So wird sich gegenseitig hoch- und reingesteigert in eine Welt voller Verschwörungen und geheimer Pläne, die eigenen radikalen Ideen gelesen, bis sie als die einzige Wahrheit erscheinen.“
Johannes Hunger sieht in den Protesten eine Spirale nach unten, die zu einem vermeintlichen Feindbild führen. „Verschwörungstheoretiker scheinen die einzige Wahrheit zu kennen.“ So ist es schwierig mit ihnen ein sinnvolles Gespräch zu führen. Er sieht die Gefahr, dass sich ein kleiner Teil der Bevölkerung sich radikalisiert und sich von Wissenschaft und demokratischen Grundwerten abwendet. Die moralische Anstandsgrenze wird gebrochen., wie im September 2021 in Idar-Oberstein, wo ein 49-jähriger einen Studenten erschoss, weil er ihn auf die Maskenpflicht hinwies.

Der Zug der "Spaziergangäger" erreicht das Rathaus. Bananen wurden geworfen.
Einstweilen marschierten die „Spaziergänger“ - in dichten Reihen und ohne Maske - am historischen Rathaus vorbei. Die Teilnehmer der Kundgebung wurden laut ausgepfiffen, mit den von Elke Rümmelein und Stefanje Weinmayr kritisierten Hallooo-Rufen bedacht und es flogen auch Bananen über die Absperrung vorm Rathaus. Auch Pfiffe einer Trillerpfeife waren wieder zu hören.

Die Polizei "entkommuniziert" den Kruzifiz-Träger seines Kreuzes und nimmt es in ihre Obhut.
Die Polizei beobachtete das Geschehen aufmerksam und schritt unverzüglich ein. So wurde ein Fotograf, der sich kurz zur lichtbildnerischen Dokumentation auf eine Bank stellte, augenblicklich ermahnt, herunter zu steigen, da durch seine Schuhe das Holz verschmutzt werden könne. Der Trillerpfeifenmann wurde ausgespäht und sein „Blasinstrument“ konfisziert. Er dürfe sich sein „Pfeiferl“ ab 19.30 Uhr in der Polizeiinspektion in der Neustadt wieder abholten, teilten ihm die Beamten mit. Einen, der mit einem Kreuz auf der Schulter unterwegs war, „entkommunizierten“ die Ordnungskräfte kurzer Hand seines Symbols.
Derweil galt Johannes Hungers Dank und Solidarität allen Menschen in Arztpraxen, Impfzentren und Krankenhäusern für ihre Arbeit. „Nur gemeinsam und solidarisch kommen wir aus der Krise.
Der Spaziergang zog unter dessen weiter in Richtung obere Altstadt, bog dort in die Ländgasse ein, wandelte weiter in Richtung Ländtor, durch die Theaterstraße wieder hinauf zur Altstadt und traf dort mit denen zusammen, die gerade noch über die Kirchgasse kommend in die Altstadt einbogen. So schloss sich der Kreis von Coronakritikern und Impfskeptikern.

Teilnehmer der Gegenkundgebung vor dem historischen Rathaus in der Altstadt.
Mit Dieter Winkelmann, Mitglied des grünen Vorstands in Landshut“, fragte derweil ins Mikrofon: „Warum stehe ich zum wiederholten Mal im 'Raum der Vernunft'? Und gab die Antwort mit zwei Begriffen: „Für Zusammenhalt und Demokratie“. Ihm bereitet Sorge, dass sich „im Namen der Freiheit Menschen in eine Gesellschaft von Coronaleugnern begeben, Verschwörungsmythen verbreiten und unsere Demokratie in Frage stellen, so wie Neonazis und AfD'ler. Dieter Winkelmann äußerte die Sorge: „Wenn diese Demokratiefeinde die Mehrheit in unserem Land bekämen, würden die in unserer Verfassung festgelegten Grundrechte abgeschafft. Als erstes die Versammlungsfreiheit und dann die Pressefreiheit.“
Er rief alle auf, zu zeigen, nicht gemeinsame Sache mit den Demokratiefeinden zu machen und am nächsten Montag in den „Raum der Vernunft“ zu kommen. Stadträtin Elke Rümmelein hat für kommenden Montag, 7. Februar, bereits die nächste Gegenkundgebung offiziell angemeldet.
Gegen 19 Uhr lösten sich sowohl die Kundgebung vor dem Rathaus als auch der Spaziergang wieder auf.

Die Route über die sich der nicht angemeldete "Spaziergang" durch die Innenstadt zog.
Bericht der Polizeiinspektion Landshut zu den Veranstaltungen:
Versammlung und Spaziergänger in der Altstadt
Am Montag, gegen 18 Uhr, trafen sich zum wiederholten Male Teilnehmer der sogenannten „Spaziergänge“ in der Altstadt von Landshut. Eine Versammlungsanmeldung lag hierfür bei den Behörden nicht vor. Nach derzeitigen Schätzungen nahmen rund 2.000 Personen teil. Die Polizei war mit einem größeren Polizeiaufgebot vor Ort und sperrte zum Teil die Zugänge in die Altstadt, um die größeren Menschenströme zu lenken. Zur gleichen Zeit fand vor dem Rathaus eine angemeldete Gegenversammlung durch das „Bündnis 90/Die Grünen“ statt. Die beiden Versammlungen verliefen störungsfrei. Von mehreren Spaziergängern wurden die Personalien festgestellt, da sie gegen die Allgemeinverfügung der Stadt Landshut, die sich fortbewegende Versammlungen verbietet, verstießen. Gegen sie wurden Ordnungswidrigkeitenanzeigen erstellt.


